Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Arme Mädchen, noch ärmere Jungs?

Foto: siehe unten

"Jungen – die neuen Bildungsverlierer?" Diese Frage hat nicht nur im aktuellen schulpädagogischen Diskurs Hochkonjunktur. Während sich in den 60er und 70er Jahren alles um die Bildungsbenachteiligung von Mädchen drehte, werden heute mehr und mehr die Jungen in den Mittelpunkt der Debatten um geschlechtsspezifische Bildungsarbeit gerückt.

Damit beginnt ein Kampf – ein Kampf um Förderprogramme, um mediale Aufmerksamkeit und um den einzig wahren Opferstatus. Die Jungs werden als Verlierer gehandelt, die Mädchen als heimliche Gewinnerinnen, denen das Schulsystem auf den Leib geschneidert ist, die nicht um die Gunst der Lehrer(innen) buhlen müssen und still und gewissenhaft gute Noten sammeln.

Ein Blick nicht nur in sozial benachteiligte Regionen Deutschlands offenbart eine andere Realität: "Mädchen schlagen immer häufiger zu!", wird mit Entsetzen festgestellt. Auch ein spannendes Thema für die Medien, das vom Nachmittagsprogramm der privaten Fernsehsender bis zur seriösen Wochenzeitung nach Belieben ausgeschlachtet wird.

Währenddessen geht in den Schulen der Alltag weiter – mit Mädchen und Jungen, mit und ohne Gewalt, aber immer noch mit einem pädagogischen Konzept, das von einem Normalschüler ausgeht, den es so wohl nie gegeben hat: fleißig, friedlich und fachkundig. Individualität ist hier nicht gefragt. Und zwar weder für Jungen noch für Mädchen. Und wer es wagt, sich dagegen zu wehren oder einfach nicht ins Konzept zu passen, wird zum Problemfall. Da muss er oder sie nicht mal faul oder frech sein – fremdsprachig reicht schon, um unser effizientes Schulsystem aus dem Konzept zu bringen. Also ab in die Förderklasse zur Schadensbegrenzung, damit der „normale“ Unterricht nicht gestört wird.

Die evangelische Kinder- und Jugendarbeit wagt einen anderen Zugang zu jugendlichen Lebenswelten. Hier basieren die pädagogischen Leitlinien nicht auf Wissensreproduktion und Gehorsam, sondern auf Freiwilligkeit, Selbstorganisation und Subjektorientierung. Wo Schule an ihre Grenzen kommt, kann Evangelische Jugend punkten. Während sich Schule an einem Normkonstrukt „Schüler“ abarbeitet, kann Evangelische Jugend Vielfalt als Normalität begreifen. Sie muss es nur wollen!

Doch auch in der Evangelischen Jugend wird immer mehr Einheitlichkeit gefordert. Vielfalt wird Luxus und Kooperation bringt Synergien. Zumindest in den Sparplänen. Und sonst?

Kommen wir zurück zu den Jungen und Mädchen. In den 70ern gab es erstmals annähernd flächendeckend Programme der Mädchenförderung, um „Benachteiligungen abzubauen und Chancen zu eröffnen“ (vgl. DBJR-Schriftenreihe: „Beispielhaft: Frauen- und Mädchenförderung in der Jugendverbandsarbeit“). Analog dazu entwickelte sich zeitversetzt die parteiliche Jungenarbeit, die in der „Erkenntnis wurzelte, dass es sinnvoll ist, wenn Jungen Veränderungen in ihren Männlichkeitsvorstellungen ermöglicht werden“ (vgl. Essener Kolleg für Geschlechterforschung: „Von lauten und von leisen Jungen“). Gemeinsam war und bleibt das Ziel: Unsere Gesellschaft basiert auf Geschlechternormen und -rollen, die ungerecht sind und geändert werden müssen. Gleichberechtigung kann nicht nur durch Gleichbehandlung erreicht werden.

Um die Jahrtausendwende ist es der Geschlechterfrage in anderem Gewande endlich gelungen, einen Weg in die breite Öffentlichkeit zu finden. Mit dem Amsterdamer Vertrag der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) 1997/1999 wurde das Konzept Gender Mainstreaming zum offiziellen Ziel der Gleichstellungspolitik der EU gemacht. Und nicht nur das: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat beschlossen, dass alle Verbände und Organisationen einen Gender-Mainstreaming-Prozess durchführen müssen.

Gender Mainstreaming führt einen Schritt zurück und macht deutlich, dass Strukturen und Beschlüsse unterschiedliche Konsequenzen für die Geschlechter haben. Daraus ergeben sich Vor- oder Nachteile, die bei jeder einzelnen Entscheidung mitgedacht werden müssen. Geschlecht wird zum Querschnittsthema gemacht – und zwar in jedweder Ausprägung. Damit eröffnet sich ein weiterer Weg hin zu einer Gesellschaft, die Menschen als Menschheit sieht und es wagt, die gewohnten Verhältnisse von Männlichkeit und Weiblichkeit in Frage zu stellen.

Gender Mainstreaming wurde verpflichtend. Damit war für viele das Thema Geschlecht abgehakt: „Wenn wir Gender Mainstreaming machen, brauchen wir uns ja nicht noch zusätzlich um Jungen und Mädchen zu kümmern.“ Und das Sparschwein freut sich auch. Aber wer wirklich etwas verändern will, kann es sich so einfach nicht machen! Vielfalt ist erst einmal Realität; zur Chance kann sie dann werden, wenn ihr auch mit Vielfalt begegnet wird.

Genau da liegt die besondere Stärke in den Strukturen evangelischer Kinder- und Jugendarbeit: Hier steht jede(r) Einzelne im Mittelpunkt. Subjektorientierung bedeutet, Subjekte als Individuen zu fordern und zu fördern, auf ihre speziellen Lebenssituationen einzugehen und sich mit ihnen gemeinsam für eine bessere Welt einzusetzen. Aus diesem Blickwinkel sind Jungs eben nicht wie Mädchen. Und Mädchen auch nicht. Deshalb bleibt der eine gern auch mal unter Jungs; die andere möchte unter Frauen Tacheles reden; die Dritten sind sowieso gemeinsam stark.

Jenseits persönlicher Vorlieben liegt die Herausforderung für die Kinder- und Jugendarbeit nicht darin, ein gemeinsames Konzept für alle zu entwickeln, sondern eine Vielzahl an Angeboten zur Verfügung zu stellen, die Raum für individuelle Bedürfnisse schaffen. Mit speziellen Förderprogrammen kann Mädchen und Frauen der Zugang zu den Leitungsebenen unserer Gesellschaft erleichtert werden. Besondere Angebote schaffen Räume, in denen Jungen eigene Konzepte von Männlichkeit jenseits der Geschlechterstereotypen erproben können. So geht es nicht darum, die wahren Verlierer(innen) zu benennen, sondern das Nebeneinander individueller Angebote konstruktiv zu nutzen und dabei gesamtgesellschaftlich an einem Strang zu ziehen.

Niemand muss außen vor bleiben, wenn es der Evangelischen Jugend gelingt, ihre Offenheit, ihre Flexibilität und ihre Vielfalt zu nutzen und sich damit für eine (geschlechter)gerechte und bunte Gesellschaft einzusetzen.


(Auszug aus dem Text „Arme Mädchen, noch ärmere Jungs?“ von Cornelia Grothe, aej-Referentin für Schüler(innen)arbeit und Bildung, der Ausgabe 3+4/2009  der „aej information“.)

Foto: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com/pixelio.de

Schriftgröße:
StartseiteThemenGender/GleichstellungGeschlechtergerechtigkeit › Mädchen/Frauen und Jungen/Männer
© Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej)