Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Juleica und Ausbildung

Ehrenamtlichkeit ist eines der Grundprinzipien der Jugendverbandsarbeit. Im Begriff des Ehrenamtes werden drei bestimmende Faktoren vereinigt:

Die Aktivität oder Betätigung, die Ausdruck der aktiven Gestaltung und Selbsttätigkeit ist.

Die Freiwilligkeit in der diese Betätigung ohne Zwang aber auch ohne monetäre Gratifikation aus intrinsischen Motiven erfolgt.

Die Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit in der diese Betätigung in den Strukturen verankert ist, wobei diese von einer sehr formalen Form im Sinne eines Wahlamtes bis hin zu sehr losen Formen von Absprachen in Gruppen und Netzwerken reichen können.

Das Ehrenamtliche Engagement hat in den letzten Jahren eine gesellschaftliche Neubewertung erfahren. Diese ist verbunden einerseits mit der politischen Vorstellung einer direkteren und aktiveren Teilhabe von Bürger(inne)n an den demokratischen Strukturen und andererseits mit veränderten sozialpolitischen Leitbildern, die den Einzelnen stärker in die Verantwortung für sich und andere nimmt (nämlich in dem Maße, in dem der Staat hier sich aus der Verantwortung zieht). Symptomatisch drückt sich dies in Begriffs- und Bedeutungsverschiebungen aus. Ehrenamt wird immer stärker zum strukturbildenden oder funktionalen Wahlamt im engeren Sinne, andere Betätigungen bis hin zur bloßen Aktivität werden vermehrt mit Begriffen wie bürgerschaftlichem oder zivilgesellschaftlichem Engagement gefasst. Die Vermischung der Förderung von Engagement und problematischen sozialpolitischen Vorstellungen ist kritisch aber weit verbreitet.

Persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Anforderung

Dieser Verschiebung der Begrifflichkeiten entspricht einer Verschiebung der politischen Bewertung der intrinsischen Motive für ehrenamtliches Engagement (etwa wenn es darum geht, Engagement zu fördern): Das Vorhandensein altruistischer Motive wird weniger bedeutsam bewertet, als das Vorherrschen eines immateriellen Eigennutzes (als Teil der gewachsenen Verantwortung des Einzelnen für seine eigenen Belange). Eine solche Vorstellung eines Engagements, das zu Stande kommt, wenn sich aus persönlichen Präferenzen und gesellschaftlichen Bedarfen eine win-win-Situation ergibt, negiert die dem Engagement innewohnende ethische Komponente, die es zum „Kitt“ der Gesellschaft macht und ist mit christlichen Vorstellungen nicht vereinbar. Tatsächlich ist es so, dass ein Anwachsen des Wunsches nach konkretem Nutzen – vor allem Lernerfahrungen und Persönlichkeitsentwicklung – gerade bei jungen Ehrenamtlichen festzustellen ist. Dieses sagt jedoch nichts über die Abwesenheit altruistischer Motive aus.

Vor allem ist es eher der Ausdruck gestiegener gesellschaftlicher Anforderungen an junge Menschen, dem diese durch die – in weiten Bereichen durchaus gelingende Vereinbarung von persönlichen Werthaltungen und konkreten Nutzungserfordernissen entsprechen. Diese Vereinbarkeit und die persönlichen – immateriellen – Gratifikationen ehrenamtlichen Engagements wie Lernerfahrungen, Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzaneignung zu erhöhen ist eine wichtige konzeptionelle Herausforderung. In diesem Zuge kommt dem Nachweis der durch Engagement erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen in der Kinder- und Jugendarbeit steigende Aufmerksamkeit zu. Evangelische Jugend muss hier realistisch mit den geänderten Lebensrealitäten und Interessen junger Menschen auf der einen Seite umgehen, ohne sich als System den wachsenden gesellschaftlichen Nutzungs- und Verwertungszwängen zu unterwerfen. Die hier grassierende „Kompetenzhuberei“ im vorauseilenden Gehorsam gegenüber Politik und Wirtschaft macht Letzteres ohnehin inflationär und als Legitimationsstrategie unwirksam.

Neue Leitbilder für das Ehrenamt entwickeln

Unklar ist, mit welchen konzeptionellen Leitbildern Evangelische Jugend das ehrenamtliche Engagement in ihren Angeboten anlegen, fördern und unterstützen soll. Die Lebenswirklichkeit junger Menschen erfordert hier mehr zeitliche und persönliche Flexibilität, was eine Standardisierung und Normierung notwendig macht. Umgekehrt sind Verbindlichkeit und eine gewisse Verweildauer sowohl als pädagogische Ziele als auch banal mit Blick auf die wachsenden Anforderungen und damit einhergehenden Qualifizierungsbedarfen erforderlich. In diesen Kontext fällt ein starker Trend, immer früher in die Gewinnung und Qualifizierung ehrenamtlich Mitarbeitender einzusteigen. Auch die Perspektive junger Menschen selbst auf das ehrenamtliche Engagement ist und bleibt diffus: So ist aus Teilen der Evangelischen Jugend bekannt, dass nach wie vor und ohne große quantitative Abbrüche klassische Mitarbeitendenrollen (wie der/die Gruppenleiter(in)) reproduziert und transformiert werden. In der Studie Realität und Reichweite hingegen entsteht eher das Bild, dass in der Breite von jungen Menschen selbst wenig unterschieden wird zwischen „Aktiv sein“ (was mehr oder weniger alle sind) und einer Mitarbeitendenrolle in einem engeren Sinne. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sich die Herausforderungen zwar konzeptionell abstrahiert im obigen Sinne beschreiben lassen, situativ aber vielmehr Modelle für konkrete Menschen in konkreten Situationen gefunden werden müssen.

Förderung und Begleitung Ehrenamtlicher durch Hauptberufliche

Das Verhältnis zwischen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen in der Evangelischen Jugend wird sich in den kommenden Jahren genauer bestimmen müssen: Angesichts der erwartbar zurückgehenden Ressourcen wird es vermehrt notwendig sein, Ehrenamtlichkeit auszubauen und zu stärken. Ziel muss es sein, noch stärkere Multiplikationseffekte bei Hauptberuflichen zu erreichen, was nur gelingen wird, wenn diese sich noch stärker aus der direkten Arbeit mit Kindern und jugendlichen Teilnehmenden herausziehen und ihre Potentiale in die Gewinnung und Begleitung Ehrenamtlicher investieren. Im selben Sinne gilt es, bestehenden Systemen der verbandlichen „Reproduktion“ von Ehrenamtlichkeit besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, da entsprechende Systeme zwar aktuell leicht zerfallen aber nur in sehr langwierigen Prozessen aufzubauen sind. Es wird in diesem Sinne nicht mehr ausreichen, Hauptberuflichen die Aufgabe der Sicherung der Rahmenbedingungen für die Arbeit Ehrenamtlicher und deren qualifizierende Begleitung zuzuweisen, sondern vielmehr auch neue Personengruppen für das ehrenamtliche Engagement zu gewinnen. Vor allem die Aufgaben, Rahmenbedingungen und Strukturen zu sichern oder auch politische Schnittstellen zu verantworten sind Felder, die hier in den Blick genommen werden müssen.

 

 

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