Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Was uns die Zahlen sagen können

Absolute Zahlen für sich genommen besagen zumeist wenig. Zahlen und Daten müssen gedeutet werden. Die meisten Zahlen und Daten sagen uns erst dann etwas, wenn wir einen Maßstab zu ihrer Einordnung und Beurteilung haben. Maßstäbe zur Beurteilung setzen immer eine Kontextualisierung der Daten voraus. Ganz wesentlich gehört zu diesen Kontexten der Vergleich:  In vielerlei Hinsicht sind auf der Basis statistischen Datenmaterials sinnvolle Aussagen erst im Vergleich und in entsprechenden Referenzrahmen zu treffen.

Je nach Fragestellung gibt es unterschiedliche Kontextualisierungen der vorhandenen Daten und damit unterschiedliche Vergleichsmöglichkeiten:

Zeitreihenvergleich – Entwicklungen beobachten

Ganz wesentlich ist der Zeitreihenvergleich – also eine diachrone Einordnung und Zuordnung des vorhandenen Zahlen- und Datenbestandes. Erst ein Zeitreihenvergleich mit den Ergebnissen früherer Erhebungen bzw. Studien ermöglicht die Beobachtung und die Deutung von Entwicklungen und Tendenzen. Genau dies ist aber ein wesentlicher Baustein der konzeptionellen Entwicklung evangelischer Kinder- und Jugendarbeit. Dies setzt eine – möglichst kontinuierliche – Weiterführung der aej Statistik in überschaubaren und regelmäßigen Abständen voraus.

Vergleich mit anderen Studien und Statistiken – Referenzen, Differenzen und Kompatibilitäten wahrnehmen

Erst im Vergleich mit den Ergebnissen anderer Studien, Statistiken und Forschungsergebnisse profilieren sich die Zahlen der eigenen Statistik. Für die Einschätzung und Bewertung der eigenen Zahlen ist beispielsweise ein Vergleich mit folgenden Daten bzw. Referenzrahmen hoch interessant:

  • ein Vergleich mit den Zahlen anderer Jugendverbände bzw. anderen Formen organisierter Jugendarbeit in einem vergleichbaren Einzugsbereich (Stadt/Stadtteil, Kommune, Region);
  • ein Abgleich mit den kommunalen Statistiken bzw. den (durch die Verwaltung erhobenen) Daten im jeweils relevanten Einzugsbereich – denn eine realistische Einschätzung der eigenen Arbeit mit Kindern bzw. Jugendlichen lässt sich naturgemäß erst gewinnen, wenn wir z.B. wissen, wie viele Kinder und Jugendliche es im eigenen Stadtteil oder dem eigenen Ort, im Kirchenkreis oder im Bundesland gibt, wie die demografische Struktur beschaffen ist, wie das soziale und religiöse Gefüge aussieht, welche „Konkurrenten“ es auf dem „Anbietermarkt“ gibt, und wie sich dort die Zahlen gestalten;
  • ein Abgleich mit den Zahlen der offiziellen EKD-Statistik.

Vergleich mit den Erkenntnissen des eigenen Erfahrungswissens – Praxiserfahrungen als Referenzrahmen

Hauptberufliche und Ehrenamtliche besitzen ein hohes Maß an Erfahrungswissen und daraus resultierenden Deutungen und Einschätzungen der Realitäten ihres Praxisfeldes. Erst ein Abgleich des eigenen Erfahrungswissens mit harten Daten und belastbaren Zahlen kann ein Mehrfaches erzeugen:

Zum einen könnte es eine (heilsame) Korrektur der eigenen Einschätzungen geben.

Zum anderen könnte allerdings auch eine Bestätigung und Stabilisierung der eigenen Bewertungen und Einschätzungen erfolgen.

Zum dritten könnten Differenzen zwischen eigenen Einschätzungen und Bewertungen einerseits und den Zahlen andererseits eine Reflexion und Diskussion erzeugen, warum die eigenen Einschätzungen von der Daten-Realität abweichen.

Möglicherweise sind die nüchternen Zahlen auch nicht in der Lage, die eigene Handlungswirklichkeit in ihrer Differenziertheit und Situationsgebundenheit realitätsgerecht abzuspiegeln; Zahlen sagen nicht notwendig Abschließendes über die Qualität und Intensität der eigenen Arbeit – regten aber dazu an, genau dies zu reflektieren.

Statistikinterne Vergleiche und Beziehungen – synchrone Deutungen

Das bisher vorliegende Datenmaterial ermöglicht in der bundesweiten Zusammenschau der Zahlen vornehmlich auf dieser Ebene erste vorsichtige Einschätzungen. Es handelt sich dabei darum, Daten innerhalb des Materials zueinander in relationale Beziehungen zu setzen (synchrone Deutungen) und auf diese Weise Erkenntnisse zu gewinnen.

Dies kann auf zweierlei Wegen geschehen:

  • Relationale Betrachtung 1:
    Zum einen können die eigenen Zahlen verglichen werden mit bzw. in Beziehung/Relation gesetzt werden zu den jeweils zugänglichen bundesweiten Zahlen oder den jeweiligen landeskirchlichen Zahle Zahlen oder der eigenen vergleichbaren Ebene.

    Ein unmittelbarer Vergleich ist natürlich schwierig, da die jeweiligen Kontexte, situativen Bedingungsgefüge und Ausgangslagen möglicherweise erheblich differieren und/oder strukturell nicht unmittelbar vergleichbar sind. Eine negative oder positive Selbstbewertung („ich habe die besten Zahlen“ oder „ich erreiche ja viel weniger“) kann und darf darum auch nicht die Schlussfolgerung sein.

    Der Sinn und Mehrwert einer solchen relationalen Betrachtung liegt vielmehr in einem anderen Zugang: Gerade die Differenzen in den Zahlen im Vergleich mit einigermaßen vergleichbaren Strukturen (im Regelfall die eigene Ebene) können und sollen eigene Reflexionsprozesse auslösen („Man lernt nur an Differenzen“ ) – nämlich zunächst die ganz schlichte Frage: Was bedingt die (positive oder negative) Differenz? Dann: Was sind unsere Stärken? An welchen Stellschrauben können wir drehen? Was brauchen wir: Geld, Mitarbeitende, andere Strukturen, neue Perspektiven, Spezialisierungen...?

    Beispiel: Es könnte sein, dass in meiner Ortsgemeinde im Vergleich zu anderen trotz vergleichbarer Struktur (Kleinstadt, ähnlicher Frömmigkeitstypus, vergleichbare Soziostruktur…) die Jugendarbeit viel weniger floriert, dafür aber die Arbeit mit Kindern überproportional Furore macht. Ein darauf folgender Reflexionsprozess kann verschiedene Antworten ergeben: Die Begabungen oder die Beauftragungen der Mitarbeitenden sind entsprechend spezialisiert, der Schlüssel von Mitarbeitenden zu Jugendlichen ist problematisch, die Angebotsstruktur für Jugendliche muss überprüft werden, der Diakon wird zeitlich durch die Konfi-Arbeit überlastet, die Übergänge von der Konfi-Arbeit zur Jugendarbeit klappen nicht, die charismatische Gemeinde vor Ort zieht die hochmotivierten Jugendlichen ab etc. etc.

    Wenn es gut läuft, folgen daraus nicht nur ein interner Diskussionsprozess, sondern auch konzeptionelle Veränderungen; außerdem bieten die Zahlen mit ihren Deutungen hervorragendes Ausgangsmaterial für Debatten mit dem Kirchenvorstand, der Kirchenleitung etc.

  • Relationale Betrachtung 2:
    Um sinnvolle Anregungen zur Reflexion zu bekommen, ist darum eine zweite relationale Betrachtungsweise notwendig: die statistikinternen Vergleiche der einzelnen Daten – z. B. das Verhältnis der Mitarbeitenden zur Zahl der Teilnehmenden oder die eigene Altersstruktur, Verhältnis der Zahl der teilnehmenden Kinder zur Zahl der Jugendlichen etc. Diese Vergleiche sagen etwas aus über eigene Schwerpunktsetzungen, aber möglicherweise auch über eigene Problemkonstellationen aus.

Michael Freitag

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