Bibel AnDenken: Andacht Februar 2010
Bibel AnDenken gibt vielfältige Anregungen zur Gestaltung von Gruppenstunden in der Jugendarbeit für das ganze Jahr 2010 mit Andachtsentwürfen, theologischen Hintergrundinformationen und Praxismaterialien wie Liedern, Gedichten, Geschichten zur Jahreslosung und den Monatssprüchen. Ein Auszug für den laufenden Monat:
Monatsspruch Februar 2010: "Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.“
(Deuteronomium 15,11 [E])
Andacht zur Monatslosung Februar 2010
- von Lutz Gräber, Landesjugendpastor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe -
Umkehr zum Leben
Andacht
Jenny träumt mal wieder. „Stewardess oder Bundeskanzlerin“ wird sie in ihrem Traum: hoch über allem schweben oder allen sagen, wo es lang geht und was sie zu machen haben, das wär’s. Dann gongt es. Die Stunde ist zu Ende und der Traum zerplatzt. Jenny fällt fast vom Stuhl. Das wirkliche Leben hat sie wieder. Ihre Lehrerin hat nichts gesagt. Sie ist froh, dass Jenny mal nicht gestört hat wie sonst. Jenny ist jetzt gefrustet wie eigentlich immer, wenn sie aus ihrem Traum aufwacht. Die Schule hat sie schon abgehakt. Der Zug ist abgefahren, den Hauptschulabschluss kriegt sie nicht hin und wenn, dann nur mit Ach und Krach. Eine Freundin lernt Friseuse, eine andere sitzt bei Aldi an der Kasse, aber ob Jenny so eine stressige Job-Sache packt, weiß sie nicht so richtig. Vielleicht was mit Kindern machen, wenn’s mit dem großen Traum nicht klappt, Sozialassistentin oder so. Kinder sind süß, wenn sie nicht gerade nerven wie ihr kleiner Bruder Kevin. Der Sozialarbeiter der Schule stresst sie schon dauernd mit Vorschlägen, welche Ausbildung sie anfangen könnte und was für Voraussetzungen dafür nötig sind und welche Noten. Das nervt. Gut, dass ihre Mutter wenigstens nicht nervt, aber die hat auch genug mit ihrer Arbeit zu tun, und wenn sie bei Jenny und Kevin ist, kann sie sich nicht auch noch um die Sorgen und Träume der Kinder kümmern. Jennys Vater ist arbeitslos, aber angerufen hat er schon seit zwei Monaten nicht mehr, obwohl er doch eigentlich Zeit haben müsste.
Zu Hause angekommen wird erst mal der Fernseher angedreht. Dazu ’ne Tüte Chips, das kommt gut. Noch vier Stunden bis zu Jennys Lieblingssendung „Germany’s next topmodel“. Mandy ist Jennys Favoritin. Weil sie blonde Haare hat wie Jenny und genau so blasse Haut. Wenn man nur nicht so superschlank sein müsste! Jenny seufzt. „Eine von denen schafft’s“, denkt sie. „Mit richtigem Vertrag ins Werbefernsehen und auf die Titelseite der deutschen Cosmopolitan“, die Jenny sich meistens nicht kaufen kann, weil sie nicht weiß, wo sie die 2,80 Euro hernehmen soll. „200 000 Euro kriegt die Siegerin, nur weil sie beim Dauer-Schaulaufen durchgehalten hat. Träume können doch wahr werden!“
Oft aber nicht. Das kriegt nicht nur Jenny zu spüren, sondern viele andere auch. Sie stecken in einem Teufelskreislauf, aus dem sie einfach nicht ausbrechen können. Schlecht bezahlte Arbeit - Arbeitslosigkeit - Schulden - Armut - Bildungs- und Ausbildungsprobleme - Ausgrenzung und enttäuschte Träume. Wer ist dann für Jenny und die anderen da, wenn die Träume zerplatzen? Wer begleitet sie auf ihrem Weg, wer geht an ihrer Seite mit, vermittelt Glauben und Vertrauen in die eigenen Stärken? Wer hilft, wenn auch konkrete, handfeste und finanzielle Hilfe nötig wird?
„Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden“, prophezeit das 5. Buch Mose. Komisch nur, dass manche das gar nicht zu merken oder ernst zu nehmen scheinen. „Solange noch Geld für den Fernseher oder die Chips da ist, kann man ja wohl von richtiger Armut nicht reden“, meinen Einige.
„Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder (und deiner Schwester), der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen“, heißt es in unserem Vers weiter. Da gibt es keine Definition, was denn nun wirkliche Armut bedeutet und wo sie anfängt. Wo ich vielleicht noch abwäge und mich frage, bei wem ich anfange mit meinem Hilfsangebot und wie ich am sinnvollsten helfen kann, sagt die Bibel einfach und umkompliziert: Wer Hilfe nötig hat, dem sollen wir helfen.
Manche Projekte in Gemeinden laufen hervorragend, und für Aufgaben, die sinnvoll erscheinen, wird eine Menge Geld gespendet.
Der Aufruf aus unserem Monatsspruch: „Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder (und deiner Schwester), die in deinem Land leben, deine Hand öffnen“ meint aber mehr als eine Kollekte für die Armentafel, einen 5-Euro-Schein für die durchreisenden Obdachlosen oder den Verweis auf die Leistungen der Diakonie.
Sicher, diese Art der Zuwendung ist auch notwendig. Wir sollten unsere Anstrengungen sogar noch verstärken, Menschen über alle Grenzen hinweg von unserem Überfluss abzugeben und zu unterstützen, hoffentlich unbürokratisch und unter Wahrung der Anonymität, um niemanden bloß zu stellen. Aber mit der finanziellen Unterstützung kaufen wir uns oft auch frei von weiteren Verpflichtungen und lassen ein partnerschaftliches Miteinander auf Augenhöhe kaum zu.
Wirkliche Öffnung gegenüber Armen und Notleidenden beginnt doch erst dort, wo wir auch bereit sind, eigene Gewohnheiten und Überzeugungen in Frage zu stellen, ja selbst eine Umkehr zu vollziehen hin zu den Menschen, denen wir wirklich helfen wollen. Dann erst sind wir auf dem Weg, das Bibelwort aus dem 5. Buch Mose in die Tat umzusetzen. Die Geste der Handöffnung bringt ja zum Ausdruck, dass ich bereit bin, die Hand zu reichen, die vorher verschlossen war, nicht nur, um den Euro zu geben, der darin liegt, sondern zu zeigen: Ich bin bereit, etwas von mir selbst zu geben, mich selbst einzubringen.
So hat die Bewegung der Handöffnung hin zu den Bedürftigen für mich eine wichtige Bedeutung: Ich mache durch diese Geste deutlich, dass ich bereit bin, umzukehren, mein Handeln zu verändern und so Gottes Wort aus dem 5. Buch Mose ernst zu nehmen.
Dann kann vielleicht etwas vom dem wirklich werden, was Dom Helder Camara gesagt hat: „Wenn einer allein träumt, dann ist das nur ein schöner Traum, aber wenn viele träumen, dann ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“ Auch wenn Jenny nicht Stewardess oder Bundeskanzlerin wird, könnte sie so an dieser neuen Wirklichkeit teilhaben.
Bestellungen des Bandes "Bibel AnDenken 2010" sind möglich bei der
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