Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Arm in einer reichen Gesellschaft

Armes Kind
Foto: Pink Sherbet Photography/flickr.de

Der demografische Wandel und die lang anhaltende hohe Arbeitslosigkeit haben der institutionalisierten Solidarität der deutschen Gesellschaft, den Sozialstaat, erheblichen Belastungen ausgesetzt. Politik reagiert hierauf vor allem mit einer Reduzierung staatlicher Transferleistungen. Immer mehr Lebensrisiken werden in private Verantwortung gestellt. Die Folgen, nicht zuletzt für junge Menschen und ihre Familien sind beträchtlich, denn höhere Gesundheitskosten und finanzielle Kürzungen bei Arbeitslosigkeit treffen Familien mit dem Armutsrisiko „Kind“ deutlich härter. Hinzu kommen für die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien die Einschnitte in der Kinder- und Jugendhilfe.

Häufig werden Einsparungen mit dem Verweis auf die leeren öffentlichen Kassen und dem globalisierungsbedingten Standortwettbewerb gerechtfertigt. Das Wachstum der deutschen Exportwirtschaft lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob der Kostenfaktor Arbeit in Deutschland tatsächlich undifferenziert das Hauptproblem darstellt und ob eine Senkung der Lohn- und Lohnnebenkosten der einzige Weg ist, Zukunftsfähigkeit zu erreichen. Eine solche Sichtweise vernachlässigt andere politische Handlungsmöglichkeiten und bürdet den Hauptteil der Lasten notwendiger Reformen vor allem den ohnehin Schwachen und Benachteiligten auf. Der gesellschaftliche Wohlstand in Deutschland wächst nach wie vor. Anstrengungen zur gerechteren, nicht allein durch Erwerbsarbeit vermittelten Verteilung der vorhandenen gesellschaftlichen Ressourcen bleiben jedoch aus. Auch Handlungsspielräume wie der nachdrückliche Einsatz für eine Angleichung internationaler sozialer Standards zur Abmilderung des Wettbewerbs werden nicht prioritär genutzt. Möglichkeiten zu einer Erhöhung staatlicher Einnahmen werden nicht diskutiert.

Evangelische Jugend bezieht ihre Kriterien für eine sozial gerechte und solidarische Gesellschaft aus dem Glauben an den dreieinigen Gott. Im biblischen Verständnis umfasst Gerechtigkeit alles, was eine heile Existenz des Menschen ausmacht. Jeder Mensch hat das Recht, als Person anerkannt zu werden und ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Jeder soll über die materiellen und immateriellen Möglichkeiten verfügen, um sein Leben selbst verantwortet zu gestalten und bei der Gestaltung einer sozialen und solidarischen Gesellschaft mitzuwirken.

AWO-Langzeitstudie zur Kinderarmut

Arme Kinder haben weitaus schlechtere Startchancen im Leben, sie müssen laut der neuen AWO-Langzeitstudie aber nicht benachteiligt bleiben - wenn Eltern, Kitas und Schulen an einem Strang ziehen. Auch wenn die Kinder nicht repräsentativ ausgewählt wurden, gibt die Studie einen interessanten Einblick. Sie zeichnet die Entwicklung der Benachteiligten über die Jahre hinweg nach.

Hier ist der Link zur Studie

"Arm ist,

wenn man nicht genug zum Anziehen kaufen kann,
wenn man nicht unter einem Dach lebt,
wenn man nicht genug zum Essen hat,
wenn man keine Arbeitsstelle hat und kein Geld verdienen kann,
wenn man kein warmes Bett hat,
wenn man kein Fahrrad hat oder kein Auto um irgendwo hinzufahren,
wenn man nicht zur Schule und nicht in den Kindergarten gehen kann,
wenn man nichts in seiner Freizeit machen kann,
wenn man keinen Fotoapparat hat für Erinnerungen,
wenn man etwas zur Schule mitbringen muss, ein Buch oder eine Kassette und man das nicht hat."

(Nathalie, 9 Jahre)

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