Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Vom Nutzen einer Statistik

Es lässt sich in der Evangelischen Jugend gut streiten über die Notwendigkeiten, mit Zahlen die Wirklichkeit abzubilden. Alles viel zu eindimensional, soziale Prozesse sind zu komplex um sie mit Zahlen fassen zu können, wer empirisch herangeht bleibt hinter praktischen, sozialpädagogischen, theologischen Einsichten zurück. In der Kinder- und Jugendarbeit wird gerne auf die Unverfügbarkeit dieses von jungen Menschen selbständig und eigenwillig gestalteten Lebensraums in ihrer freien Zeit verwiesen, der sich einer systematischen Beobachtung verschließen würde, weil die Herstellung und Nutzung von Kinder- und Jugendarbeit durch junge Menschen auf vielfältigen Faktoren beruht.

Warum also eine Statistik über die evangelischen Kinder- und Jugendarbeit?

Man könnte die Frage einfach beantworten mit dem Verweis auf den beschleunigten Wandel der Gesellschaft, der sich durch alle Beschreibungen der Evangelischen Jugend und durch alle Lebenswelten zieht. Aber etwas differenziert:

  • Gab es bis in die 1970 Jahre ein gesellschaftlich weit verbreitetes Erfahrungswissen über Jugend- und Jugendverbandsarbeit so kann davon heute nicht mehr ausgegangen werden. Zum einen sind die Möglichkeiten, sich als junger Mensch zu engagieren und sich zwischen unterschiedlichen schulischen und außerschulischen Angeboten einer Lebens- und Freizeitgestaltung entscheiden zu können, um ein vielfaches größer geworden. Die Digitale Revolution hat dies weiter befördert. Zum anderen sind Spezifika der Kinder- und Jugendarbeit – Methoden und Beteiligungsformen – heute weit über die Jugend- und Jugendverbandsarbeit hinaus Realität. Also: was Kinder- und Jugendarbeit ist muss sich heute vermehrt erklären.

  • Viel Literatur der und über Jugendverbandsarbeit ist normativ orientiert. Sie beschreibt das Selbstverständnis von Trägerorganisationen und Verbänden. Diese Beschreibungen besagen, was der Verband, die Organisation meint zu bewirken – Jugendverbände als Werkstätten der Demokratie, Evangelische Jugend als selbstbestimmter Gestaltungsraum und Bildungsort, etc. Die Studie „Realität und Reichweite der Jugendverbandsarbeit am Beispiel der Evangelischen Jugend“ hat uns aufgezeigt, wie wenig Verbände und Organisationen über das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen wissen. Häufig wird auf Basis persönlicher Erfahrungswerte ein Gesamtbild entwickelt. Also: Das begrenzte Wissen über die Wirklichkeit der Kinder- und Jugendarbeit schadet ihr selbst – es fehlt Ihr die empirische Wirklichkeitsbeschreibung als plausibler Rahmen für die Überprüfung und Weiterentwicklung der Arbeit, Angebote, Settings.

  • In den Sozialwissenschaften wird seit einigen Jahren von der empirischen Wende gesprochen – Neben qualitative Studien sind eine Vielzahl von quantitativen Studien als Grundlage für die Beschreibung von Wirklichkeit getreten, unterlegt vom Ausbau statistischer Instrumente, die regelmäßig angewandt werden, um Veränderungen abzubilden. Zentrale Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe sind heute durch empirische Sozialforschung und durch statistische Erhebungsinstrumente in der Lage in der Lage, die Realität ihrer Arbeit plausibel zu beschreiben. Im Rahmen des 12. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung (BMFSFJ 2005) unternimmt die Berichtskommission zwar den Versuch, Kinder- und Jugendarbeit als relevanten Bildungsort neben anderen Bildungsleistungen der Kinder- und Jugendhilfe zu entfalten, kommt bei einer ausführlichen Sichtung der Daten aber zu dem Ergebnis, dass die Datenlage über Kinder- und Jugendarbeit zu defizitär ist um ihre Bedeutung ausreichend beschreiben zu können. Die Kinder- und Jugendhilfestatistik ist in diesem Feld ebenso defizitär wie die Erhebungen der evangelischen Kirchen über das kirchliche Leben. Sie erfassen jeweils nur Teile der gesamten bzw. evangelischen Kinder- und Jugendarbeit und sind deshalb wenig geeignet für eine aussagekräftige Beschreibung.

Der feststellbare Verlust von Wissen über Kinder- und Jugendarbeit und die wenigen belastbaren Daten einerseits, die zunehmend wissenschaftlich ausgeleuchteten anderen Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe und des weitgefassten Bildungssystems andererseits bringen Jugend- und Jugendverbandsarbeit immer häufiger in Erklärungsnot und setzen sie unter Legitimationsdruck. Auch innerkirchlich wäre es hilfreich, wenn sich die evangelische Kinder- und Jugendarbeit im Blick auf die Handlungsfelder Kinderkirche und Konfirmandenarbeit aber auch in Relation zur Parochie mit den überwiegend erwachsenenorientierten Angeboten mit Hang zur Generation 55+  plausibel behaupten könnte.

Statistiken zur Arbeit können eine große Hilfe sein bei der plausiblen Beschreibung von Kinder- und Jugendarbeit. Die jeweiligen Zahlen geben jedoch keine Antworten, sie sind reine, zeitbezogene Aufzählungen, die einer Interpretation bedürfen, eines Transfers in Begründungszusammenhänge. Regelmäßige statistische Erhebungen ermöglichen, Veränderungen aufzuzeigen, Entwicklungen zu beschreiben und begründete Prognosen zu wagen. Sie sind ein wichtiges Instrument für Weiterentwicklung von Konzeptionen und für die politische Sicherung der Kinder- und Jugendarbeit als eigenständiges und eigensinniges Lebens- und Gestaltungsrahmen von Kindern und Jugendlichen.

Mike Corsa

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