Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Jugendpolitische Interessenvertretung

DBJR Blickwinkel

Die Grundvoraussetzungen evangelischer Kinder- und Jugendarbeit in all ihren Formen sind Selbsttätigkeit und Selbstbestimmtheit. Die evangelische Kinder- und Jugendarbeit ist damit für junge Menschen die Möglichkeit und gleichzeitig das Mittel, einen Teil von Gesellschaft zu gestalten. In der selbstbestimmten Selbsttätigkeit ist damit stets bereits die Partizipation an Kirche und Gesellschaft angelegt. Aus gesamtgesellschaftlicher (Erwachsenen)Perspektive ist die jugendverbandliche Verfassung die Gewährung eines Freiraumes für junge Menschen, den es zu Gestalten gilt. Es ist die Möglichkeit sowohl zu individueller Persönlichkeitsentfaltung als auch ein Ort der Veränderung gesellschaftlicher Realität.

Jugendverbandsarbeit zeichnet sich darüber hinaus durch ihren demokratischen und ebenenübergreifenden Aufbau aus. Sie verfügt damit über eine Organisationsform, die Kommunikation mit anderen Institutionen der Gesellschaft erlaubt und erzwingt – oder, anders ausgedrückt: Evangelische Jugend versteht sich als Selbstorganisation junger Menschen, die als solche ein Wert in sich ist, geeignet und aufgefordert, die Interessen junger Menschen in der Gesellschaft zum Tragen zu bringen. In ihrer institutionalisierten Form erreicht sie besondere Qualitäten, die über die spontane Initiative vor Ort oder die punktuelle Beteiligung an bestimmten Themen hinausreicht.

Demokratie und Zukunft

Aufgabe der Evangelischen Jugend ist es daher, in Politik und Gesellschaft den „Zukunftsfaktor“ einzubringen und einzufordern. Von allen Generationen hat die Jugend stets das größte, häufig sogar das alleinige Interesse an nachhaltigen politischen Entscheidungen, in denen zum Beispiel Belastungen nicht einfach in die Zukunft verschoben werden. Um diesen Beitrag zum politischen Prozess zu leisten, ist die Evangelische Jugend auf wirksame und im gewissen (moralischen) Sinne „mächtige“ Strukturen und professionalisierte Arbeitsweisen angewiesen, die sich mit den Kernpunkten politisches Mandat, Organisation und Eigenständigkeit umschreiben lassen. Diese Prinzipien entsprechen denen der repräsentativen Demokratie.

Es fällt auf, dass bestimmte Teile des demokratischen Systems von wachsenden gesellschaftlichen Gruppen angefragt werden. Junge Menschen begrüßen weit überwiegend „Demokratie“ als Lebensstil. Politiker(innen), Parteien, gesellschaftspolitische Großorganisationen und auch politische Mechanismen der repräsentativen Demokratie werden aber immer häufiger abgelehnt oder mit kritischer Distanz betrachtet. Dabei wird in der Evangelischen Jugend selbst immer deutlicher, dass das Prinzip der Repräsentation alleine immer fragwürdiger wird – und damit auch die demokratisch legitimierten Meinungsbildungsprozesse ihrer Gremien. In Zeiten einer heterogenen Jugend kann immer weniger von einer „Teilnahme“ am Verband auf eine greifbare Identität mit erwartbaren Haltungen, Werten und Normen ausgegangen werden, die auch Rückschlüsse auf politische Meinungen und Interessen zulassen würde.

Die im Jugendverband erreichte Jugend ist also immer weniger automatisch als eine „Interessengruppe“ anzusprechen. Dies verstärkt die Notwendigkeit, direkte Formen der Meinungsbildung und Teilhabe zu entwickeln, um die individuelle Einflussnahme breiterer Gruppen zu ermöglichen. Für die Jugendverbandsarbeit werden deshalb direkte und informellere Formen der Beteiligung wichtiger, z. B. die direkte politische Auseinandersetzung mit Themen und Positionen in eventmäßigen Formen, Foren und Treffen aber auch kleinteilige Veranstaltungen, die direkten und authentischen Kontakt zu Politiker(inn)n ermöglichen.

Kontinuierliche Interessenvertretung

Beide Prinzipien – das der direkten und das der repräsentativen Beteiligung - müssen mit Blick auf das, was sie leisten und nicht leisten können abgeklärt und realistisch betrachtet werden: So wie die repräsentativen Formen stets die Gefahr funktionaler Erstarrung  und mangelnder Spontaneität in sich tragen, so sind die Ergebnisse direkter Beteiligung häufig subjektiv oder bilden nur kleine Ausschnitte der Interessen aller von Entscheidungen Betroffenen ab. Authentizität und Repräsentativität stehen stets in einem Spannungsverhältnis. Spätestens an den Kontaktzonen zur Erwachsenenwelt müssen daher die Funktionsmechanismen von Politik nüchtern betrachtet werden, in der neben jugendlicher Authentizität und gutem Willen sowohl Fachlichkeit als auch unbestreitbare Machtmechanismen konstitutiv und unvermeidbar sind.

Aus dieser Realität politischer Institutionen wird der besondere Wert der jugendverbandlichen Institution deutlich: Evangelische Jugend leistet nicht nur Partizipation, sondern kontinuierliche Interessenvertretung. Dazu gehören Lobbyarbeit und Politikberatung ebenso wie Mitwirkung in Jugendhilfeausschüssen und die Kontaktpflege mit Parteien. Sie ist authentisch und professionell, wenn es um die politische Beteiligung junger Menschen geht.

Für die Zukunft wird das Verhältnis direkter und repräsentativer Formen weiter entwickelt werden müssen. Dabei gilt: Soviel direkte Beteiligung wie möglich, soviel Institution wie nötig. Die Erfahrung zeigt, dass junge Menschen auch „unattraktivere Formen“ wie die Gremienarbeit in Kauf nehmen und sich aneignen – wenn sie darüber wirklich etwas austragen können. Dafür, dass es wirklich etwas mitzubestimmen gibt, müssen Kirche und Politik durch Zurückhaltung und durch das Gewähren von Freiräumen sorgen.

14. Deutscher Kinder- und Jugenhilfetag (DJHT), 7. bis 9. Juni 2011 in Stuttgart

 
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