Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Predigt zur IGW "Schöpfung und Nachhaltigkeit" in Halle 4.2

Am Sonntag, den 20.01.2019 wurde durch die ejl im Rahmen der Internationalen Grünen Woche eine Andacht auf der Bühne in Halle 4.2 organisiert. Im Folgenden ist der Text von Bernd Wildermuth, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, noch einmal nachzulesen und auch untenstehend als Download verfügbar:  
 
Nachhaltigkeit und Schöpfung – Thematisch sind das vermutlich die Klassiker bei einer Andacht auf der Internationalen Grünen Woche.  Und schnell ist man dann beim Bauen und Bewahren, bei verantwortungsvollem Umgang mit den Ressourcen der Erde, bei nachhaltiger Wirtschaft und allem was dazugehört - Kurzum bei protestantisch eingefärbter Moral und einem schlechten Gewissen. 
Ich habe mich aber dafür entschieden das Thema Nachhaltigkeit und Schöpfung aus einer ganz anderen Perspektive anzugehen und zu betrachten, mit einem Bibeltext aus dem neuen Testament. In seinem Brief an die Römer nimmt Paulus zu grundsätzlichen Fragen des Christlichen Glauben Stellung.  Im 8. Kapitel gibt es einen Abschnitt den die Basis-Bibel mit „die ganze Schöpfung wartet auf die Befreiung“ überschreibt.

Textlesung Röm 8,18-23a.24a
 
Zeitlich hat der Text zwei Ebenen: Die Gegenwart und die Ewigkeit. Als Predigttext ist dieser Abschnitt aus dem Römertext eigentlich für den Volkstrauertag vorgesehen und zuweilen wir er auch bei Beerdigungen gelesen. Dann steht ganz klar die Hoffnung auf die Ewigkeit im Vordergrund, „denn wir sind zwar gerettet doch auf Hoffnung“. 
Der Text beschreibt aber auch die Gegenwart. Diese Gegenwart ist charakterisiert durch „seufzen und stöhnen“, ist charakterisiert durch „Schmerz und Geburtswehen“. 
Das interessante und spanende dabei ist:  Das bezieht sich nicht nur auf uns Menschen und unser Miteinander, es bezieht sich auf die ganze Schöpfung. Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz. 
Der Grund für alles Seufzen, Stöhnen und für allen Schmerz ist die Vergänglichkeit oder schlicht und einfach der Tod. Alles muss sterben und vergehen, alles hat eine zeitliche Befristung – Mensch und Tier. Aber auch die Pflanzen, auch die unbelebte Natur, unsere Erde hat eine Lebensspanne, ebenso hat die Sonne, die unsere Erde wärmt nur eine begrenzte Lebensdauer, unsere Galaxie, die Milchstraße, hat eine begrenzte Lebensdauer und nach allem was man in der Astrophysik weiß, hat das ganze Universum auch nur eine begrenzte Lebensdauer. 
Werden und vergehen das ist das Gesetz der Welt. Es ist das Gesetz der Schöpfung. Wer Landwirtschaft betreibt weiß das nur zu gut. Ohne Dünger, ohne abgestorbenes Material gibt es kein neues Wachstum. Das ist das Elend, dem wir nicht entgehen können, nicht mit einer vegetarischen Ernährung und nicht mit einer veganen Ernährung. Es muss etwas sterben, damit anderes Leben leben kann. Also ist alles so wie es ist in Ordnung?  

Mitnichten! Was nämlich nicht gemeint ist, ist die Entfesselung der Kräfte des Werden und Vergehens. Damit Ich möglichst gut leben kann, muss möglichst viel anderes Leben sterben. Paulus stellt das glatte Gegenteil davon in die Mitte seiner Betrachtung: Die Solidarität aller Seufzenden und Leidenden. Wir sind mit der gesamten Schöpfung verbunden im Leiden und im Stöhnen über dieses Gesetz des Werdens und Vergehens. 
An diesem Gesetz verzweifeln wir immer wieder, weil wir es gern anders hätten, weil wir nicht wollen, dass Menschen sterben, weil wir nicht wollen, dass unsere Haustiere sterben, weil wir nicht wollen, dass die Blumen eingehen, weil uns der Tod sowieso überhaupt nicht passt. 
Und die schwerste Vorstellung ist ganz sicherlich, dass eins dem anderen zur Nahrung dient. 
Am grausamsten finden wir es, wenn Menschen Tieren zur Nahrung werden. Und eines der größten Tabus ist es, dass Menschen in extremen Situationen, wie einer Flugzeugnotlandung in unzugänglichem Gelände, anderen Menschen als Nahrung dienen. 

Unter dieser Perspektive präsentiert die IGW nichts anderes als pflanzliche und tierische Produkte, die vorher einmal gelebt haben -  Köstlich zubereitet und aufwendig präsentiert. Alles sieht gut aus, das meiste duftet verlockend und alles mundet. Sollen wir uns jetzt grämen? Sollen wir diesen Köstlichkeiten das Stöhnen und das Seufzen entgegenhalten? Sollen wir der Nahrung mit protestantischer Griesgrämigkeit begegnen? Natürlich nicht. 
Aber wir sollten uns bewusst sein, dass das Sterben und das Töten die Grundlage aller Produkte sind, die nicht freiwillig vom Baum fallen, das gilt für den Salat wie für das Fleisch. Die unterschiedliche Gewichtung und Bewertung von Leben geschieht nur in unserem Kopf. 
Was ist dann Nachhaltigkeit in der Perspektive von Paulus? Es ist die Balance des Werden und Vergehens. 
Nachhaltigkeit in seinem Sinne heißt auch: es gibt immer ein Leben vor dem Tod, nicht nur für Menschen auch für Pflanzen und für Tiere. Im Buddhismus gibt es dafür das Wort der Achtsamkeit. 
Dieses Wort hat eigentlich keinen christlichen Hintergrund, aber hier im Römerbrief des Paulus leuchtet in der Leidenssolidarität aller Geschöpfe so etwas wie Achtsamkeit auf. Wir warten alle auf Erlösung und wir wissen alle nicht wie sie sein wird. 

Im ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus, dass wir jetzt nur durch eine Art Spiegel erkennen können, wie die Erlösung und Vollendung der Welt einmal aussehen wird. Wir können es im Hier und Jetzt nur erahnen. Wir sind gefangen in Werden und Vergehen. In politischer Sprache: Wir leben unter der Diktatur des Todes aber wir können so etwas wie eine ökologische Internationale aller Geschöpfe bilden, die allen das Leben in dieser Diktatur zumindest etwas erleichtert. 
Jedoch - und das ist die andere zeitliche Dimension in diesem Text - die Ewigkeit relativiert all das was jetzt und hier geschieht, nicht als billige Vertröstung, sondern als Hoffnung aller Lebewesen: 
„Ich bin überzeugt: Das Leid, das wir gegenwärtig erleben steht in keinem Verhältnis zu der Herrlichkeit die uns erwartet und die Gott uns offenbar machen will.“ Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig.

Amen 

Predigt zum Download

Schriftgröße:
© Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej)