Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

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01.10.2018 01:15 Alter: 47 days

Bibel AnDenken Andacht Oktober 2018


© Ria Rubow

Bibel AnDenken gibt vielfältige Anregungen zur Gestaltung von Gruppenstunden in der Jugendarbeit für das ganze Jahr 2018 mit Andachtsentwürfen, theologischen Hintergrundinformationen und Praxismaterialien wie Liedern, Gedichten, Geschichten zur Jahreslosung und den Monatssprüchen. Ein Auszug für den laufenden Monat:

Monatsspruch Oktober 2018: "Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ Psalm 38,10 (E)

Andacht Oktober2018
- von Gernot Bach-Leucht, Landesjugendpfarrer in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau -

Diagnose aussichtslos!
Ganz leise treten wir ein ins Krankenzimmer. Da liegt sie nun. Sie stöhnt und seufzt. Sie sieht richtig mitgenommen aus.
Wir zweifeln: Sind wir richtig? Bereits halb im Zimmer, noch mal schnell zur Tür zurückgeeilt. Gibt es hier ein Namensschild? Ja! Da steht es: „die Erde“. Dazu noch eine Unterzeile „Gottes Schöpfung“. Wir sind also richtig.

Gestern erreichte uns die Nachricht. Es ging ihr ja schon lange schlecht, der Erde, aber gestern wurde es offensichtlich unerträglich. Da ist sie dann eingeliefert worden ins Krankenhaus. Lange haben wir versucht, ihre Krankheit zu ignorieren, haben vertröstet mit Worten wie „Es wird schon wieder!“ oder „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Lange haben wir gedacht, Gott wird es gewiss nicht zulassen, dass seine Schöpfung so leidet, dass es dem Ende zugehen könnte. Lange haben wir übersehen, dass wir es waren, die dies zugelassen haben.

Wir treten näher. Sie hängt an zahlreichen Apparaten und Schläuchen, die Erde. Es ist nicht zu beurteilen, ob sie alleine noch lebensfähig ist oder ob sie nur noch lebt, weil sie einer medizinischen Notversorgung zugeführt wurde.

Wir treten noch näher. Eingefallen sieht sie aus. Manchmal ein leichtes Zucken in der Hand. Manchmal ein Flattern der Augenlider. Sie hat offensichtlich überhaupt nicht bemerkt, dass wir am Bett stehen. Der Atem geht schwer. Ein Rasseln ist beim Einatmen zu hören. Die Lippen sind trocken, brüchig. Ein Schlauch hängt aus dem Mundwinkel.

Wir versuchen, sie anzusprechen. Sie hört uns nicht. So wie wir nicht gehört haben – die vielen Male, die sie uns angesprochen hat. Die vielen Male, als sie uns erzählen wollte von ihrem Sehnen, ihren Träumen, ihrer Hoffnung und ihrem Gottvertrauen.

Als sie uns bei der Hand nehmen wollte, um uns ihre Schönheit zu zeigen, hatten wir keine Zeit. Wir mussten uns um so vieles anderes kümmern: den Job, die wichtige Sitzung … und ja, einkaufen ist auch mal wieder dran, die Wäsche muss gewaschen werden, die Wohnung geputzt.

Als sie uns ihre Träume zeigen wollte, haben wir sie ganz kurz angeblickt. Verwundert. Voller Unverständnis. „Träum weiter“, haben wir gesagt. Wir haben uns dann doch lieber der Wirklichkeit gewidmet. Vom Träumen kann doch keiner leben.

Als sie dann krank wurde, sind wir ganz kurz erschrocken. Da wir aber Meister im Verdrängen sind, hielt unser Erschrecken nicht lange an. Zum Glück. Am Anfang haben wir sie noch regelmäßig besucht. Wir hatten ja auch Hoffnung, dass es bald besser werde. Als es nicht besser wurde, wurden auch unsere Besuche seltener. Vor ihrer Haustür haben wir uns ab und zu getroffen. Eine war am Gehen, ein anderer am Kommen. Man warf sich vielsagende Blicke zu: eine Mischung aus Mitleid, Genervtsein und dem Wunsch, viel lieber mal wieder miteinander einen Kaffee zu trinken, statt sich beim Krankenbesuch die Klinke in die Hand zu geben.

Jetzt, wo wir hier im Krankenhaus an ihrem Bett stehen, wird es uns klar: Es ging ihr schlechter von Tag zu Tag. Und weil unsere Besuche immer seltener wurden, fielen uns die Veränderungen immer deutlicher auf. Jede Veränderung war eine Verschlechterung. Die Gesichtsfarbe verlor zusehends an Frische. Die Haut sah bald aus wie Papier – zerknittert und fast transparent. Der Atem wurde immer flacher.

Jetzt, wo wir vor ihr stehen, fangen viele der Sätze, die wir uns sagen, gleich an „Hätten wir nur …“, aber wir haben nicht.

Wir treten noch näher. So nah, dass wir mit dem Ohr fast ihren Mund berühren. Wir hören den Atem kaum noch. Wir spüren einen Rest von Wärme, die sie verströmt. Wir riechen Fauliges – fast ein bisschen wie Verwesung. Sie bewegt die Lippen. Ganz leise hören wir sie sagen: „All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.“

Eine bemerkt einen Zettel in ihrer Hand. Zieht ihn vorsichtig heraus.

Darauf steht:
Aber meine Feinde leben und sind mächtig;
die mich zu Unrecht hassen, derer sind viele.
Die mir Gutes mit Bösem vergelten,
feinden mich an, weil ich mich an das Gute halte.

Auf der Rückseite des Zettels geht es weiter:
Verlass mich nicht, Herr,
mein Gott, sei nicht ferne von mir!
Eile mir beizustehen,
Herr, du meine Hilfe!

Am Rand des Zettels steht: Psalm 38, 20–23

Wir gehen leise aus dem Krankenzimmer. Rückwärts. Mit dem Blick zu ihr. So wie man eine Königin verlässt. Wir öffnen die Tür. Ein kleines gequältes Lächeln zum Abschied. Einer denkt: „Ob wir uns wiedersehen?“ Alle haben es gehört.

Und jetzt sind wir dran. Was tun wir? Weitermachen wie bisher? Darauf hoffen, dass uns nicht der Anruf mit ernster Stimme aus dem Krankenhaus erreicht? Beten? Etwas tun? Aber was?

Bestellungen des Bandes "Bibel AnDenken 2018" sind möglich bei der
aej-Geschäftsstelle
Otto-Brenner-Straße 9
30159 Hannover
E-Mail: bestellungen@aej-online.de
Preis pro Exemplar: € 10

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