Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

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28.02.2020 13:43 Alter: 38 days

Bibel AnDenken Andacht März 2020


Foto: unsplash/Nicolas Ladino Silva

Bibel AnDenken gibt vielfältige Anregungen zur Gestaltung von Gruppenstunden in der Jugendarbeit für das ganze Jahr 2020 mit Andachtsentwürfen, theologischen Hintergrundinformationen und Praxismaterialien wie Liedern, Gedichten, Geschichten zur Jahreslosung und den Monatssprüchen. Ein Auszug für den laufenden Monat:

Monatsspruch März 2020: Jesus Christus spricht: Wachet! Markus 13,37 (L)

Andacht März 2020
- von Sarah Oltmanns, Landesjugendpfarrerin für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz -

Vom Beten und Handeln
„Worauf wartest du?“, frage ich meine Nachbarin neugierig, als ich zufällig bei ihr vorbeikomme. Sie sitzt am Hauseingang und schaut nervös rechts und links auf die Straße. Kaum habe ich die Frage gestellt, bereue ich sie schon. Auch wenn ich es ganz allgemein meine, wird sie etwas anderes hören. Sabine ist sich nämlich nicht sicher, worauf sie wirklich warten soll. Sie weiß nicht, was besser ist. Soll sie auf den Tod warten? Oder auf ein paar schöne Lebenstage, die ihr vielleicht bleiben? Oder soll sie gar auf Erlösung von der Krankheit hoffen? Sie fragt sich ständig, worauf sie eigentlich warten soll.

Seit ein paar Wochen weiß Sabine, dass sie an der unheilbaren Krankheit „ALS“ erkrankt ist. Amyotrophe Lateralsklerose. Klingt schrecklich. Ist auch schrecklich. Ihre Muskeln schwinden. Sie hat Krämpfe und Nervenschmerzen. Es geht rapide abwärts. Letzte Woche konnte sie noch an Gehhilfen stehen und sich selbst etwas kochen. Nun sitzt sie bereits im Rollstuhl. Wenn der Topf auf dem Herd steht, kann sie nicht mehr reingucken.

Sie weiß, was sie nicht will. Ein solches Leben will sie nicht. Sie hadert mit ihrer Krankheit, sie hadert mit dem Leben. Sie kann nur noch sitzen. Rumsitzen. Und weiß dabei nicht, worauf sie warten soll. Darauf, dass jeden Tag jemand auf ihr Pflegebett schaut und guckt, ob sie noch lebt? Oder darauf, dass sie vielleicht doch noch ein paar Monate länger leben kann, weil die Medikamente der Studie, an der sie teilnimmt, keine Placebos sind? Die Gedanken kann sie kaum zu Ende führen, weil sie jäh unterbrochen werden von der nächsten körperlichen Einschränkung. Es geht alles sehr schnell.

Sabine war immer ein fröhlicher Mensch. Ich kenne sie immerzu lachend. Nun weint sie nur noch. Sie ist auch nicht mehr so optimistisch, wie sie einmal war. Sie denkt viel zurück und erinnert sich nur an die Momente, die negativ waren. „Womit habe ich das verdient?“, fragt sie mich, während ich vor Augen habe, was für eine gute Seele sie eigentlich ist. Oder soll ich besser sagen: „war“? Sie erzählt viele Geschichten aus ihrem Leben, in denen sie Unrecht gesehen oder selbst erlitten hat. Sie zählt sie alle akribisch auf. „Wenn es doch nur Vergeltung gäbe!“, sagt Sabine. Sie wünscht sich Gerechtigkeit – für alle.

Sie erzählt von ihren Kindern. Sie hat sieben. Das jüngste Kind, Linus, ist 16 Jahre alt und lebt noch bei ihr. Linus ist sehr tierlieb und hat alle möglichen Haustiere. Auch einen Hahn. Weil er kräht, kommen täglich Beschwerden von Nachbarn.

Das älteste Kind, Joline, hat selbst schon Kinder. Sie sind noch sehr klein und schreien oder quengeln, wenn sie Hunger haben. In der Mittagszeit dürfen sie daher nicht im Garten sein. Wegen der Nachbarn.
Joline hatte Sabine geboren, als sie erst 14 Jahre alt war. Alle haben hinter vorgehaltener Hand darüber geredet. Wie kann ein Kind nur Kinder kriegen?

Elias studiert Green Engineering und hatte sich dafür eingesetzt, dass Solarpanels aufs Dach gesetzt werden. Die Nachbarn der Südseite finden, es blendet zu sehr.

Sie erzählt auch von Ben, Delia, Armina und Finn.
Auch wenn alle Geschichten damit enden, wie das Handeln ihrer Kinder Beschwerden auslösen, so schwärmt sie doch, unausgesprochen, über das, was ihre Kinder tun. Wie verantwortungsvoll sie doch sind. Und dass sie dafür eigentlich einen gerechten Lohn verdient hätten (keine Mama oder Oma, die dahinsiecht). „Nicht schon wieder“, höre ich Linus aus dem Haus heraus seufzen. Sabine muss schmunzeln. Das erste Mal bei unserem Gespräch. „Er kann es nicht mehr hören“, sagt sie.

Linus sieht es anders. Er hat mit Delia zusammen das Zimmer im Erdgeschoss umgestaltet. Es barrierefrei gemacht. Es neu tapeziert. Ein Pflegebett reingestellt. Er möchte, dass sich seine Mutter wohlfühlt. „Ich gehe nicht in das Sterbezimmer“, sagt Sabine.

Auch Armina klagt. Sie wünscht sich, dass ihre Mutter noch die schönen Dinge sieht. Die Narzissen, die sich aus dem Boden strecken. Oder dass ihr Enkel endlich lachen kann. Sie versucht alles, dass ihre Mutter sich wieder auch auf etwas freut. Auf den ersten Spargel zum Beispiel. Den hat sie immer so gern gegessen.

Sabine bittet mich, dass ich mich für sie über den begleiteten Freitod in der Schweiz informiere. Sie kann selbst nichts mehr tippen und ihre Kinder weigern sich. Ich sage ihr zu, auch wenn ich um die Debatte darüber weiß und ich mich vor der Aufgabe fürchte.

„Was machst du heute noch?“, fragt sie mich. Ich bin gerührt, dass sie sich trotz ihrer Umstände noch für mich interessiert. „Ich werde Gott anklagen, dass es dir so geht“, sage ich.

Sie ist etwas überrascht. Sie weiß nicht, dass ich ihr einen Psalm gewidmet habe. Ich habe Verse aus Psalm 31 rausgesucht und für sie umgeschrieben. Ich bete sie, sooft ich kann (und zugebenermaßen: Wenn ich daran denke):

„HERR, auf dich traue ich. Lass sie nimmermehr zuschanden werden, errette sie durch deine Gerechtigkeit! Neige deine Ohren zu ihr, hilf ihr eilends! Sei ihr ein starker Fels und eine Burg, dass du ihr helfest! Denn du bist ein Fels und eine Burg, und um deines Namens willen wollest du uns alle leiten und führen.
In deine Hände befehlen wir unseren Geist. Erlöse uns, HERR, du treuer Gott.

HERR, sei gnädig, denn uns ist angst! Auch Sabines Auge ist trübe geworden vor Gram, matt die Seele und der Leib. Ihr Leben ist hingeschwunden in Kummer und die Jahre in Seufzen. Ihre Kraft ist verfallen, und ihre Gebeine sind verschmachtet. Sie klagt, sie sei allen Bedrängern ein Spott geworden, eine Last den Nachbarn und ein Schrecken den Freunden. Die sie sehen auf der Straße, laufen weg.

Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist unser Gott!
Unsere Zeit steht in deinen Händen. Errette Sabine von der Hand der Feinde und von denen, die sie verfolgen. Lass sie nicht zuschanden werden; denn ich rufe dich an.“

Es ist unsere Aufgabe als christliche Gemeinschaft, aufmerksam zu sein, was in unserem Umfeld geschieht. Wenn wir die Zeichen der Zeit erkannt haben, können wir sie in Gottes Verheißung stellen und vom Ende her bestimmen. Ignatius von Loyola soll einmal gesagt haben: „Bete, als hinge alles von Gott ab. Handle, als hinge alles von dir ab.“

Also, worauf wartest du?

Bestellungen des Bandes "Bibel AnDenken 2020" sind möglich bei der
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Otto-Brenner-Straße 9
30159 Hannover
E-Mail: bestellungen(at)aej-online.de
Preis pro Exemplar: € 7,80

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