Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

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01.10.2020 08:36 Alter: 26 days

Bibel AnDenken Andacht Oktober 2020


Bibel AnDenken gibt vielfältige Anregungen zur Gestaltung von Gruppenstunden in der Jugendarbeit für das ganze Jahr 2020 mit Andachtsentwürfen, theologischen Hintergrundinformationen und Praxismaterialien wie Liedern, Gedichten, Geschichten zur Jahreslosung und den Monatssprüchen. Ein Auszug für den laufenden Monat:

Monatsspruch Oktober 2020: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN, denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht`s euch auch wohl. Jeremia 29,7 (L)

Andacht Oktober 2020
- von Simone Enthöfer, Landesjugendpfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland -

Geht’s gut? – Und deinem Nachbarn?

Eingangsvotum:
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Matthäus 25, 40).
Wir feiern diese Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Eingangsgebet:
Herr, auf dem Weg hierher ist mir so viel begegnet.
Menschen, geschäftig durch die Straßen hetzend, denen der Termin und Arbeitsdruck auf den Schultern lastet.
Andere auf Treppenstufen hockend, mit nichts als viel zu viel Zeit. Sie beobachten jene, die in die Geschäfte laufen, um Geld auszugeben, was sie selbst kaum haben.
Ein SUV, der den Radfahrer neben sich kaum sah.
Ein überfüllter Altkleidercontainer neben einem Billig-Mode-Laden.
Menschen mit sorgevollem Blick Arztpraxen betretend.
Leute mit Zeitungen unter dem Arm und andere, die es gelernt haben,
das Nicht-Lesen-Können zu verheimlichen.

Einige Insekten, die in einem achtlos weggeworfenen Plastikbecher Nahrung suchen.
Herr, es gibt so viel in unserer Stadt zu entdecken und so viele Eindrücke, mit denen wir zu dir kommen und dich bitten: um Hilfe, um Heilung, um Erkenntnis, etwas besser zu machen, um Unterstützung.
Gib uns deinen Geist, der uns aufweckt, uns Mut macht, der uns Ideen zum Handeln schenkt. Amen.

Lied: Steh auf, bewege dich …
(Lieder zwischen Himmel und Erde Nr. 312)

Eine Erzählung zu Jeremia 29, 7:

Vielleicht etwas zaghafter als sonst hatte Tim an die Zimmertür geklopft. Er mochte ihn nicht so zerbrechlich sehen. Dieser kämpferische, dickköpfige Geist mit Klugheit und Humor passte doch zum Verrecken nicht in den Körper eines alten, greisen Mannes, der, wie er es selbst sagte, schon seit geraumer Zeit auf der Zielgeraden sei. Wenn ihm, Tim, vor 10 Monaten jemand gesagt hätte: „Du wirst einmal freiwillig zu Besuch in dieses Pflegeheim gehen, nicht nur als Nachtwache zum Geldverdienen während die nes Medizinstudiums“, da hätte er nur spöttisch gelacht. Aber manchmal liegen ganze Welten zwischen 10 läppischen Monaten.

In der letzten Nacht hatte der alte Mann wieder einen heftigen Anfall gehabt.

Tim atmete erleichtert auf, als er jetzt die vertraute, grantelige Stimme des Alten hörte: „Is offen!“ Tim öffnete die Tür und der vertraute Geruch von Kaffee und staubigen Büchern kam ihm entgegen. Die Staubflocken tanzten im Sonnenlicht, das durch das kleine Fenster über dem Schreibtisch drang. Drei Dinge passten in diesem Raum gar nicht: das Krankenbett, in dem der Alte lag, der hochmoderne Laptop, der umrankt von hohen Stapeln alter Zeitungen auf dem Schreibtisch stand, und ein wahnsinnig teures Smartphone, über das der Alte gerade den letzten Satz einer Sprachnachricht seines Enkels in ohrenbetäubender Lautstärke abhörte. Ansonsten sah das Zimmer aus wie eine Studierstube aus längst vergangener Zeit. Alte braune Bücherregale vollgestopft mit Werken aus allen Genres und Epochen vom Boden bis zur Decke, ein kleiner Kleiderschrank, dessen Türen wohl schon in den letzten 50 Jahren nicht mehr richtig schlossen. Die Zimmertür war auf der Rückseite in etwas eigenwilliger Art mit Fotos, vergilbten Zeitungsartikeln, einer pinken Plastikblume und Urkunden dekoriert, die der Alte pragmatisch mit Gaffa-Tape dort angebracht hatte. Die Miene des Mannes war wie immer grimmig. Aber das war meist nur vorgetäuscht. Tim hatte es vor einiger Zeit herausgefunden. Die Wahrheit lag in den unfassbar strahlend, hellblauen Augen. Die konnte der Alte nicht verstellen und aus denen blitzten ihm Freundschaft und Humor entgegen. „Hast du diesmal wenigstens das richtige Eis mitgebracht?“ „Ich wünsche ebenfalls einen schönen guten Tag“, konterte Tim. „Zwei Kugeln Vanille mit extra viel Sahne – von Rosa! Wie fast jeden Tag in den letzten 8 Monaten. Und jedes Mal fragen Sie mich das Gleiche!“ „Ich weiß, ich bin doch nicht dement. ,Conditio humana‘ – Rituale gehören zur Natur des Menschen. Solltest du als Mediziner wissen. – Hilf mir mal in den Sitzmodus. Und hör auf mich anzuglotzen, als müssten wir uns heute auf ewig verabschieden. Ich bin noch nicht bereit, es gibt noch viel zu erledigen. Das habe ich in der letzten, beschissenen Nacht mit Gott besprochen. Ich hoffe, er ist einverstanden.“

Tim musste lächeln und sah dem Alten zu, wie er genussvoll sein Eis schleckte, als hätte er noch nie zuvor so etwas Wunderbares geschmeckt.

Tim gestand es sich nur mühsam ein, aber ja, etwas wie Freundschaft war zwischen ihm, dem 19-jährigen Medizinstudenten, und dem 76-jährigen Weltverbesserer entstanden. Dabei ließen die Erstbegegnungen eher auf „best enemis for ever“ schließen. Es war für ihn ein Horror gewesen, in das Zimmer des Alten zu müssen. Der mäkelte nur an allem herum, was Tim tat, brachte ihm wenig Wertschätzung entgegen und obendrein gab es so Sprüche wie: „Ihr, die Jugend von heute, unkritische, unpolitische Work-Life-Balancer.“ Das ging so bis zu jenem Tag, als Tim sich fest vorgenommen hatte, dem Alten mal Paroli zu bieten. Tim war nach einem kurzen Anklopfen, ohne ein Herein abzuwarten, in das Zimmer gestürmt. Der Alte hatte mit einer Lupe über Zeitungsartikel gebeugt an seinem Schreibtisch gesessen und mit einem Bleistift Stichworte auf einem Zettel notiert. Tim schmiss ihm einen Brief hin, den er von der Rezeption mitgebracht hatte. „Hier, ich glaub, der ist für Sie: Jerry Quassowski.“ Tim lachte höhnisch auf, er musste an die Trickfilmserie „Tom und Jerry“ aus seinen Kindertagen denken. „Heißen Sie wirklich so? Jerry?“ „Warum nicht?“ „Weil in Ihrem Alter so nur Mäuse heißen, die sich jeden Tag mit einem intellektuell unterentwickelten Kater namens Tom prügeln.“ Tim hatte einen kecken Gesichtsausdruck aufgesetzt, aber er befürchtete, der Alte würde jeden Augenblick die Kaffeekanne nach ihm schmeißen und sich bei der Heimleitung beschweren. „Hat dir nie jemand Respekt beigebracht?“ Tim nahm allen Mut zusammen: „Warum wollte ich Sie genau das Gleiche auch schon längst mal gefragt haben?“ Einen Moment lang herrschte eine bedrohliche Stille. Dann wies der Alte auf einen freien Stuhl und sagte: „Setz dich, willst du auch einen Kaffee?“ Sie hatten schweigend Kaffee getrunken. Der Alte durchbrach die Stille: „Ich heiße nicht Jerry. Manche meiner Freunde aus alten Tagen nennen mich noch so. Es ist ein Spitzname, ein Kürzel. Eigentlich heiße ich Jeremias Quassowski.“ Tim hörte dem Alten schweigend zu. „Ich war der Jüngste von vier Söhnen, meine Mutter war mit mir hochschwanger, als die Familie 1944 aus dem damaligen Ostpreußen hierher floh. Eine Tante und ein Onkel nahmen uns hier in der Stadt auf. Sie hatten selbst drei Kinder und eine viel zu kleine Wohnung. Und da wurde ich dann auch noch geboren. Ich bekam den Namen Jeremias. Meine Eltern waren gläubige Lutheraner. Jeremia war ein Prophet aus dem Alten Testament.“ Tim sah etwas schuldbewusst drein. „Mit Religion kenne ich mich nicht so aus.“ „Na sowas, dabei hast du doch einen sehr religiösen Namen.“ „Tim?“ „Ja, kommt von Timotheus und heißt übersetzt ,der Gottesfürchtige‘. – Jeremias heißt ,den Gott erhöht‘. Aber meine Elternmeinten, so ähnlich sei es wohl auch dem Volk Israel ergangen.“ Ungefähr im Jahr 587 v. Chr. hatte der babylonische König Nebukadnezar den südlichen Teil der Stämme Israels besiegt. Das Stammland Juda. Um die Besiegten gefügiger zu machen und zu entmachten, ließ er die Oberschicht deportieren. Alle, die in Politik, Wirtschaft und Religion etwas zu sagen hatten verschleppte er in das Exil nach Babylon. Die Leute waren unglücklich in der Fremde und wollten wieder zurück. Der eine oder andere gab sich als Prophet aus und goss Wasser auf die Mühlen der Israeliten. Sie verkündeten: „Ja, in kurzer Zeit werdet ihr wieder befreit und zurückkehren. Es lohnt sich quasi kaum, die Koffer auszupacken. Gewöhnt euch gar nicht erst an die Sitten und Gebräuche hier, bald sind wir wieder zu Hause.“ Solche Weissagungen führten dazu, dass das Heimweh der Menschen immer größer wurde. Sie versuchten gar nicht erst, aus ihrer Situation etwas Gutes oder Sinnvolles zu machen. Ihre Gedanken waren nur auf die Rückkehr nach Hause gerichtet. Jeremia aber war anders. Er war der von Gott geschickte Prophet und er sagte: „Nein, findet euch damit ab, dass ihr nun hier ein neues Zuhause habt. Mindestens 70 Jahre werdet ihr hier leben. Die meisten werden nicht mehr in die Heimat zurückkommen. Arrangiert euch und versucht das Beste daraus zu machen.

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“

Diesen Spruch aus dem Buch Jeremia 29, 7 bekam ich später sogar als Denkspruch mit 14 Jahren zu meiner Konfirmation. Dort auf der alten Urkunde an der Tür hängt er. Das war das Motto meiner Eltern: „Wir schauen nicht zurück, sondern auf das Hier und Heute. Diese Stadt ist jetzt unser Zuhause. Und wir haben gefälligst unsere Gaben mit einzubringen, dass es der Stadt gut geht und den Menschen, die hier wohnen. Es kann uns nicht gut gehen, wenn es den Nachbarn nicht gut geht.““ Tim blickte den Alten fragend an: „Und jetzt sitzen Sie den ganzen Tag hier mit gefalteten Händen und beten für die Stadt? Sorry, aber das kann ich mir nicht vorstellen.“ „Ja, ich sitze hier und bete, aber nicht mit gefalteten Händen. Meine Mutter sagte schon, wenn du für jemanden oder etwas betest, musst du vorher genau wissen wofür. Sprich mit anderen Menschen, informiere dich, was benötigt wird. Und dann bitte Gott nicht um außermenschliche Wunder. Sondern bitte ihn, dir die Kraft, die Einsicht, den Mut, den Geist und Mitstreitende zu schenken, um etwas zu verändern, zu verbessern.“ „Ganz ehrlich? Unter einem frommen Beter habe ich mir eine freundlichere Person vorgestellt. Sie sind manchmal sehr schlecht drauf und lassen das alle spüren, die Ihnen begegnen.“ „Ich bin eben nur ein Mensch, kein Gut-Mensch.“

„Und wofür beten Sie so?“ „Alles Mögliche, glaub mir. Es gibt genug Dinge, die einem in den Nachrichten in Zeitung oder Internet begegnen. Früher habe ich mich viel engagiert vor allem in Nachbarschaftshilfe-Projekten. Heute geht das nicht mehr so mit der schwindenden Muskelkraft. Aber im Oberstübchen bin ich noch ganz fit. Ich mische mich in politische Diskussionen ein, bei denen es um ein friedliches Miteinander oder um Klimaschutz geht. Ich sage Gott im Gebet, was mir Sorge bereitet, und dann werde ich aktiv. Ich schreibe Leserbriefe, beteilige mich an Online-Petitionen, recherchiere von hier aus für jüngere, engagierte Freunde.“ „Ah, der Bob Andrews der Bessere-Welt-Aktivisten, Recherche und Archiv!“, frotzelte Tim. „Machst du dich über mich lustig?“ Die Augen des Alten blitzten kampfesbereit auf. „Nee, gar nicht.“ Tim wurde kleinlaut. „Ich bin echt erstaunt, das hätte ich von Ihnen nicht vermutet.“ „Was ist mit dir? Engagierst du dich irgendwo? Mut hast du doch, sonst hättest du mir eben nicht so die Leviten gelesen.“ „Ich weiß nicht. Ich habe bisher nie so richtig darüber nachgedacht“, gab Tim zögerlich zu. Der Alte unterbrach ihn: „Mir fällt da was ein. Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass sich in einer anderen Stadt Medizinstudenten für geflüchtete Menschen engagieren. Sie zu Arztbesuchen begleiten, sie beraten und ihnen Diagnosen und Behandlungen erklären. Ich habe noch so zu Gott gesagt: Es wäre doch schön, wenn es das bei uns auch gäbe.“ Tim blickte den Alten herausfordernd an. „Wieso habe ich das Gefühl, dass Sie mir das nicht zufällig sagen?“ Der alte Jeremias grinste. „Die Frage kann ich dir auch nicht beantworten. Aber wenn ich dich in irgendeinem Engagement von meinem bescheidenen Büro aus hier unterstützen kann, dann gerne. Und denk dran: Zum Beten muss man nicht zwangsläufig die gefalteten Hände in den Schoß legen.“

„Hallo, hast du mir überhaupt zugehört?“ Tim schreckte aus seinen Erinnerungen hoch und blickte dem alten Jeremias in die Augen. „Ja, klar, jedes Wort.“ Der Alte lachte auf: „Lügner. Ich hatte gar nichts gesagt und nur schweigend mein Eis genossen, aber du warst so in Gedanken vertieft.“ „Sorry.“ Tim errötete. „Hör auf, dich für alles zu entschuldigen. Das Leben ist zu kostbar für überflüssige Entschuldigungen. – Aber jetzt sag ich dir was: Ich habe einen Wunsch. Man weiß ja nie, wann hier mal zum Aufbruch geblasen wird. Wenn ich mal abdanken muss, werden meine Kinder und Enkel sich um das Zeug hier kümmern. Aber ich möchte, dass du meine alte Konfi-Urkunde an dich nimmst. Leg sie irgendwo hin, wo sie dir ab und zu in die Hände fallen wird. Ganz egal, ob du hier wohnen bleibst oder in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, Heimat findest, denke einfach dran: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn‘s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Sag dem Meister da oben einfach, was dir auffällt, worüber du dir Gedanken machst. Dir kann es nur wirklich gut gehen, wenn es auch deinen Nachbarn gut geht.“ Tim hatte einen Kloß im Hals. Er schluckte und sagte leise: „Geht klar, ich versuche es.“ Der Alte lächelte zufrieden und zwinkerte ihm zu: „Kannst mich übrigens gern Jerry nennen, Tom – äh, nee Tim.“

Bestellungen des Bandes "Bibel AnDenken 2020" sind möglich bei der
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Otto-Brenner-Straße 9
30159 Hannover
E-Mail: bestellungen(at)aej-online.de
Preis pro Exemplar: €7,90

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